
Was ist Chinesische Medizin
Die Traditionelle Chinesische Medizin blickt auf eine mehr als dreitausend-
jährige
Geschichte zurück. Dass da im Riesenraum China verschiedenste
Strömungen und Traditionen
im Laufe der Zeit zu einem System verschmol-
zen sind, ist nicht weiter erstaunlich.
Der Sage nach sind es die beiden Kaiser Shen nong und Huang di, die die
Medizin begründet
haben. Der erstere soll die Heilpflanzen den Menschen
zugänglich gemacht haben, der
andere die Nadeln in die Medizin eingeführt
haben. Es ist da nicht verwunderlich, dass
zwei der ältesten medizinischen
Werke ihre Namen tragen: Das Shen nong ben cao jing, der
Arzneiklassiker
des Shen nong, und das Huang di nei jing, der Innere Klassiker des gelben
Kaisers. Beide Werke stammen aus den ersten Jahrhunderten vor Chr. Noch
heute studiert
jeder traditionell ausgebildete Arzt unter anderem diese beiden
Werke, da sie das
Grundgerüst der Chinesischen Medizin enthalten. Beide
stammen aus dem taoistischen
Umfeld, wie dies in mehr oder weniger hohem
Masse für die gesamte Chinesische Medizin
gilt.
Die wichtigsten Grundlagen der Chinesischen Medizin - und gerade diese
sind es, die im Nei
jing ausführlich behandelt werden - sind die Lehre von Yin
und Yang und den fünf
Wandlungsphasen oder (wie man oft fälschlicherweise
in westlichen Publikationen liest)
Elementen, die Lehre vom Qi, dieser nicht
leicht zu erklärenden Lebenskraft, Energie oder
was man als Hilfsüber-
setzung auch immer beiziehen will.
Yin und Yang
Diese beiden Begriffe sind scheinbar klar und unmissverständlich. Bei nähe-
rem Hinsehen
merkt man, dass die Grosszahl der westlichen Autoren von
Gegensatzpaaren ausgeht. Yin und
Yang sind aber nicht ausschliessende,
sondern komplementäre Begriffe. Das eine ist ohne
das andere nicht zu
denken. Wenn man nach Parallelen im westlichen Denken sucht, fällt
einem
noch am ehesten die hegelsche Dialektik ein.
Wer Yin und Yang begriffen hat, der hat die ganze Medizin begriffen. So
heisst es im
Klassiker der innern Medizin. Diese pauschale Aussage mag
zwar überspitzt tönen, doch
ist sie im Kern richtig.
Für die klinische Praxis bilden Yin und Yang einen ersten Raster, der ganz
prinzipiell
das Therapiekonzept festlegt. Wir finden diesen Raster wieder in
der Diagnostik, wo dann
weiter differenziert wird, ob es sich um eine ober-
flächliche (akute) oder tiefe
(chronische) Erkrankung, um eine Kältekrankheit
(verlangsamter Prozess) oder um eine
Hitzekrankheit (beschleunigter Pro-
zess), um einen Fülleprozess (Überbelastung des
Systems) oder um einen
Leereprozess (Defizienz) handelt.
Letztlich ergibt sich schon daraus die Therapie der Wahl, denn nicht jede
Methode der TCM
vermag jede Störung zu beheben. Leereprozesse sind
beispielsweise der Akupunktur nur
schwer zugänglich, während ihre Domäne
Füllekrankheiten in jeder Form sind.
Die fünf Wandlungsphasen
Ein weiteres theoretisches Grundmuster der TCM bilden die fünf
Wandlungs-
phasen,
die in westlicher Literatur oft als fünf Elemente erscheinen. Dies er-
gibt aber falsche
Assoziationen, denn es handelt sich hier um ein dynami-
sches oder, wenn man will, ein
kybernetisches Modell. Die fünf Wandlungs-
phasen - Holz, Feuer, Erde, Metall, Wasser -
sind voneinander abhängig in
Zyklen der Hervorbringung, der Steuerung und der
Überwindung. Nur die
Überwindung ist zum vornherein pathologisch, während die beiden
andern
Zyklen physiologisch sind. Im Falle des Exzesses einer Phase aber kann
jeder Zyklus
pathologisch werden. Dies zu begreifen ist sehr wichtig, denn
jede der Wandlungsphasen hat
Resonanzen in allen Bereichen. Zum Holz
resonieren etwa der Wind, das Grüne, der
Frühling, die Geburt und frühe
Jugend, die Leber, die Gallenblase, das Saure, etc. etc.
Bringt man diese
Resonanzreihen nach dem Gesetz der fünf Phasen zueinander in Beziehung,
erhält man wiederum eine Reihe von klinisch höchst wichtigen Daten. Nicht
nur für die
Phytotherapie, wo die Geschmacksarten und das Temperatur-
verhalten eine besondere Rolle
spielen, sondern auch etwa in der Akupunktur,
wo Punktgruppen, die den Wandlungsphasen
zugeordnet sind, existieren,
haben die Wandlungsphasen ihre Bedeutung.
Qi, Xue und die Säfte
Eine besondere Rolle spielen in der Chinesischen Medizin die Konzepte Qi
und Xue. Qi, ebenfalls irreführend mit Energie übersetzt, in einem solchen
Zusammenhang deuten zu
wollen, ist müssig. Begnügen wir uns mit der
Feststellung, dass es sich um eine
dynamische Komponente handelt, die im
Körper als eine Art Lebenskraft zirkuliert. Es gibt
zwar nur ein Qi, doch
äussert es sich in vielen Formen: Himmlisches Qi, das wir über die
Atmung
aufnehmen, Nahrungsqi, das in den Nahrungsmitteln den Körper erreicht,
Ursprüngliches Qi, das uns als Erbsubstanz und Talent mitgegeben ist, etc.
Für die
Chinesen ist Qi aber nicht eine esoterische Angelegenheit, sondern
etwas durchaus für
jeden Erfahrbares. So wird Qi etwa in den Übungen des
Qi gong, im Tai ji quan und in
anderen Kampfsportarten gelenkt und kultiviert.
Die Praxis gibt hier mehr als jede
Theorie.
Xue ist der Yin-Anteil des energetischen Konzeptes. Etwas verengend wird es
mit Blut
übersetzt. Es ist aber mehr. Tritt Qi in substantieller Form auf, heisst
es Xue.
Natürlich hat auch die TCM festgestellt, dass der Säftehaushalt des Körpers
eine
komplexe Angelegenheit ist, weshalb neben Xue noch eine Reihe
weiterer
Körperflüssigkeiten differenziert werden. Man muss sich aber klar
sein, dass es sich
letztlich nur um eine von der Funktion diktierte genauere
Charakterisierung der Begriffe
Qi und Xue handelt.
Die Funktionskreise und Leitbahnen
Rückgreifend auf die fünf Wandlungsphasen beschreibt die TCM fünf
Funk-
tionskreise, die mit den Namen der inneren Organe verbunden werden: Lunge,
Milz,
Niere, Herz, Leber. Mit diesen Organen haben sie aber kaum etwas zu
tun. Die TCM meint
damit funktionelle Einheiten, die die energetische Physio-
logie des Körpers ausmachen.
Gerade diese Vorstellung bereitet dem in
westlichen Denkstrukturen Aufgewachsenen immer
wieder Probleme. Am
Beispiel: Die Milz hat in der Chinesischen Medizin die Aufgabe der
Trans-
formation und des Transportes. Deshalb wird sie behandelt, wenn die Auf-
schliessung
der Nahrungsmittel nicht ordnungsgemäss funktioniert. Der
Magen als Yang-Anteil des
Funktionskreises der Milz hat zwar in der west-
lichen Medizin auch diese Aufgabe. Hier sind
Parallelen zu sehen. Aber diese
Scheidung von Wichtigem und Unwichtigem ist auch im
Bereich der Informa-
tionsaufnahme Aufgabe der Milz. Wer also die Umwelteinflüsse aus Wer-
bung, Medien etc. nicht mehr zu strukturieren vermag, ist nach chinesischer
Vorstellung
am Funktionskreis der Milz erkrankt.
Zu jedem Funktionskreis gehört ein ganzes System von Leitbahnen, auf
denen Öffnungen
liegen, über die der entsprechende Funktionskreis erreicht
werden kann. Diese Öffnungen
sind es, die die Akupunktur verwendet.
Bekannt sind unterdessen über tausend Punkte,
viele davon auch ausserhalb
der Leitbahnen (Ohr!). Davon finden aber in der Praxis nur
etwa 200-250
regelmässig Anwendung.
Die pathogenen Faktoren
Wer diagnostizieren will, muss wissen, wonach er suchen
soll. Die TCM
reduziert die krankmachenden Faktoren auf einige wenige innere, äussere
und
neutrale Faktoren. Äussere Faktoren sind z.B. Wind, Hitze, Kälte etc.
Von besonderer
Bedeutung sind die inneren Faktoren - Trauer, Freude, Wut,
Grübeln, Angst -, weil damit
der Bogen zur Psychotherapie geschlagen wird.
Es ist immer wieder darauf hinzuweisen, dass
die TCM ein ganzheitliches
System ist. Deshalb ist der Einbezug psychischer Faktoren eine Selbst-
verständlichkeit.
Neben diesen pathogenen Ursachen können natürlich auch
Unfälle, Diätpro-
bleme (Nahrungsmittelvergiftungen, falsche Ernährung) und sexueller
Exzess
pathogen wirken. In der Diagnostik werden die pathogenen Faktoren mit dem
System
der Funktionskreise in Beziehung setzt, was zur Erkennung des
Ansatzpunktes für die
Therapie führt.
Diagnostische Besonderheiten
Die Fallaufnahme erfolgt in einer traditionellen chinesischen Praxis nicht
wesentlich anders als in einer Praxis bei uns. Was allerdings in der Dia-
gnostik fehlt,
sind die bildgebenden Verfahren und die chemische Analyse.
Heute wird man sie aus Gründen
der Vorsicht miteinbeziehen, da sie
prognostisch von Bedeutung sein können.
Besonderes Augenmerk richtet der traditionelle Arzt auf die Zunge und den
Puls. Die Zunge
wird nach Erscheinungsbild, Farbe des Zungenkörpers und
Art und Weise des Belags
beurteilt. Dies allein gibt schon einen recht klaren
Hinweis auf die Krankheit
verursachenden Faktoren. Beim Puls werden 28
Qualitäten unterschieden, was aber eine
lange Übung und eine gepflegte
Hand erfordert. Es ist aber auch hier darauf hinzuweisen,
dass die Resultate
durchaus objektivierbar sind.
Es wird keinem traditionellen Arzt einfallen, nur auf Grund von Zungen- und
Pulsbefund
eine Therapie zu verordnen. Gesichtsfarbe, Temperaturempfinden,
Schmerzen und
Schmerzqualitäten, Störungen der Miktion, etc., runden das
Bild im Verlauf der Anamnese
erst ab. Was die Hauptbedeutung in der
Diagnostik hat, hängt auch beim chinesischen Arzt
vom Können und der
Neigung ab. Wenn man Glück hat, trifft man in China noch auf einen
Puls-
diagnostiker von traumwandlerischer Sicherheit. Ein solcher aber ist (und war
es
immer) eine Rarität.
Die Therapiemethoden
Die bedeutendste Therapieform ist die Pharmakologie. Über 2800 Substanzen
sind
in der Chinesischen Arzneimittellehre vereinigt und bilden einen hoch-
wirksamen Schatz, der
nach Maos Wort gehoben werden sollte. Viele der
Heilsubstanzen finden sich mit tendenziell
ähnlicher Verwendung auch im
Westen. Als Beispiele etwa die Rhabarberwurzel, Engelwurz,
Zimt, Wegerich
etc. Manches aber ist in China allein heimisch. Ob es sinnvoll und in
gros-
sem Rahmen machbar ist, sie aus ihrem kulturellen Kontext heraus im
Westen verfügbar
zu machen, bleibt der Zukunft überlassen.
Die wohl bekannteste Therapieform ist die Akupunktur, die im Westen zwar
schon seit dem
17. Jahrhundert bekannt ist, aber eigentlich erst in den
letzten 20 Jahren in einer Art
vermittelt und angewendet wird, die dem
chinesischen Standard entspricht. Es werden dabei
Nadeln in die Punkte der
Leitbahnen eingeführt um eine Regulation des Qi-Flusses zu
bewirken. Da es
sich bei der Akupunktur um eine einfache, kostengünstige und dabei
hoch-
wirksame Methode handelt, empfiehlt sie die Weltgesundheitsorganisation für
etwa 80
Indikationen als Therapie der Wahl.
Nicht zu trennen von der Akupunktur sind die Moxibustion, eine Erwärmung
der Punkte durch
Verbrennen von Artemisia (Beifuss), und die Massage der
Leitbahnen und Punkte (An mo). Die
im Westen sogenannte Akupressur ist
nur in Teilen mit der chinesischen Massage identisch.
Als Ergänzung der Akupunktur gilt das Schröpfen, das in der westlichen Na-
turheilkunde
seine direkte Entsprechung hat.
Während im Westen die körperliche Ertüchtigung als präventive Massnahme
kaum 200 Jahre
Tradition hat, sind Übungen zu diesem Zwecke ein integraler
Bestandteil der Chinesischen
Medizin oder der chinesischen Kultur seit
mehreren tausend Jahren. Heute erobern sie in
der Form von Qi gong und Tai
ji quan langsam auch die übrigen Kulturkreise. Auch hier
fällt es schwer, eine
kurze Definition zu geben, da Atemübungen, Gymnastik, Meditationstech-
niken etc. unter einem Begriff subsumiert werden. Dazu kommt, dass China
gerade in diesem Bereich am zugeknöpftesten ist. Wenig bekannt im Westen
ist die
Tatsache, dass mit Qi auch äusserlich gearbeitet werden kann. Dabei
sendet der Heiler Qi
aus und überträgt es auf den Patienten.
Ein weiterer Themenkreis, der im Westen kaum bekannt ist, ist das hoch-
differenzierte
System der chinesischen Diätetik. Auch sie hält erst jetzt
Einzug in den Westen. Da nach
einem klassischen Wort der chinesische
Arzt vorbeugt und nach Möglichkeit nicht erst nach
Ausbruch der Krankheit
therapiert, kommt der Diätetik eine enorme Bedeutung in der
Chinesischen
Medizin zu.
Es ist nun in China so gewesen, dass nur einige Ausnahmegestalten die
ganze Breite der
therapeutischen Methoden beherrscht haben. Aber die
Spezialisierung war und ist doch noch
nicht so weit fortgeschritten, dass ein
Therapeut nur eine Methode beherrscht. Wer sich im
Westen mit Chinesi-
scher Medizin beschäftigen will, tut gut daran, sich einen möglichst
breiten
Einblick in das System zu verschaffen, um dann nach Neigung und Begabung
ein
Hauptgewicht zu legen. Als Therapeut sollte er aber immer in der Lage
sein, Alternativen
innerhalb des Systems anzubieten. Ausserdem ist die
Chinesische Medizin ein ganzheitliches
System, das auch den Therapeuten
als Ganzes fordert.
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