
Tai ji quan
Chinesisches Schattenboxen oder Tai ji quan (in anderer
Schreibweise Tai Chi Chuan) hat in den letzten Jahren ausserhalb Chinas einen ungeahnten Aufschwung
erlebt. Tai ji wurde als Alternative zu allen möglichen gesundheits fördernden Bewegungsprogrammen
angeboten. Sehr oft ging dabei von dem, was Tai ji eigentlich ist, der grösste Teil verloren. Erst
seit einigen Jahren ist es möglich, entweder durch Ausbildungskurse in China selbst oder durch
Unterricht bei den wenigen qualifizierten Lehrern, die in Europa leben, eine seriöse Einführung ins
Tai ji quan zu bekommen. Nicht ganz unschuldig an den Missverständnissen sind die Chinesen selbst,
die ein vereinfachtes Tai ji allzu einseitig als Gesundheitsgymnastik verkauft haben. Von den Lehrern,
die diese sogenannte Pekingform ausgearbeitet haben, war sie immer als Einstieg in die komplexe Welt
des Tai ji quan gedacht.
Tai ji quan hat drei wesentliche Dimensionen:
Zum einen ist es der meditative Aspekt. Historisch
ist dies wohl der älteste Teil, denn Formen von Bewegungsabläufen und Atemlenkung sind bereits aus
vorchristlicher Zeit überliefert. In einem Grab aus dem zweiten Jahrhundert vor Chr. hat man eine
Seidenrolle ausgegraben mit Darstellungen von gymnastischen Übungen, die sich zum Teil mit Sequenzen
aus den Tai ji - Abläufen identifizieren lassen. Offensichtlich spielten diese meditativen Techniken in
den daoistischen und zenbuddhistischen Klöstern eine sehr wichtige Rolle. Es erstaunt daher nicht, dass
die Legende den Ursprung des Tai ji auf einen daoistischen Mönch zurückführt, der den Kampf eines
Kranichs mit einer Schlange beobachtete. Die geschmeidigen Bewegungen der Schlange und ihr plötzliches
Zubeissen sollen ihm die Idee zum Tai ji vermittelt haben.
Der Kampfaspekt ist die zweite Seite des Tai ji. Oft
wird die Disziplin in ihrer Wirksamkeit als Kampftechnik unterschätzt. Wohl wird Tai ji langsam trainiert,
doch gehen die Bewegungen ab einem gewissen Niveau in äusserste Dynamik über. Wenn man über die Herkunft
des Tai ji mehr wissen möchte, forscht man deshalb eher in diese Richtung. Alles, was heute an Tai ji
geboten wird, kann man auf den Chen-Stil zurückführen. Chen Wang ting, ein General des 17. Jahrhunderts,
stellte diese Kampfform für seine Familienangehörigen zusammen. Die Effektivität der Methode wurde bei
der Niederschlagung von Aufständen mehrfach erprobt.
Das Tai ji-Boxen der Chenfamilie hatte bald in ganz China
einen sehr guten Ruf, doch weigerte sich die Familie, das Wissen weiterzugeben. Yang lu chan, ein hervorragender
Kämpfer, schlich sich, indem er sich als stummer Diener ausgab, in die Trainings der Chenfamilie ein.
Als man ihn aber erwischte und hinrichten wollte, kämpfte er gegen den Ältesten der Chen, worauf dieser
ihn als Schüler akzeptierte. Yang lu chan erhielt allerdings nur einen Teil des Wissens. Er machte sich
später selbständig und unterrichtete in Peking seinen eigenen Stil.
Sein Enkel, Yang zheng fu, entwickelte in den Zwanzigerjahren
unseres Jahrhunderts daraus wiederum den Yang-Stil, der heute weltweit die grösste Verbreitung geniesst.
Andere Meisterschüler gründeten ihre eigenen Schulen und Stilrichtungen, von denen der Sun- und die
beiden Wu-Stile noch eine gewisse Verbreitung haben. In der Chenfamilie aber wurde die alte Tradition
weitergeführt. Als die verschiedenen Schulen in diesem Jahrhundert sich breiteres Ansehen verschafften,
entschlossen sich auch die Chen, ihr Können einem weiteren Publikum zugänglich zu machen. So schrieb
Chen Pin san ein grundlegendes Werk über Tai ji quan, das erstmals die ganzen Erfahrungen zusammenfasste.
Nach der Revolution begann die chinesische Regierung, Tai ji als kulturelles Erbe zu entdecken. Die
verschiedenen Traditionen wurden aufgearbeitet und die noch lebenden direkten Nachkommen und Meisterschüler
aktiviert.
Man begann nun den dritten Aspekt, den gesundheitsfördernden,
vermehrt zu unterstreichen. Ein Komitee des Staates stellte eine vereinfachte Form zusammen, die es
auch und gerade älteren Leuten ermöglichen sollte, Tai ji quan zu erlernen. In kurzer Zeit entwickelte
sich daraus eine staatlich gelenkte Massenbewegung. Andererseits hat man seit etwa zehn Jahren bemerkt,
dass Tai ji auch als Medaillenlieferant bei olympischen Spielen dienen könnte. Deshalb bemüht sich das
chinesische olympische Komitee mit anscheinend gutem Erfolg um Aufnahme des Tai ji unter die olympischen
Sportarten. Wenn viele Meister auch anerkennen, dass damit Tai ji eine grössere Verbreitung erfährt,
stehen doch die meisten dieser Entwicklung mit etwas gemischten Gefühlen gegenüber. Ausserdem finden nun
auch vermehrt Kampfformen (Tui shou - Händestossen) und Waffenformen (Schwert, Stock, Lanze) wieder
Beachtung.
Wer vom gesundheitsbewahrenden Aspekt spricht, muss auch
etwas über die so ausserordentlich wichtigen vorbereitenden oder begleitenden Übungen sagen. Diese
Techniken zur Lenkung der 5 Energien bzw. des Qi sind ein integraler Bestandteil aller chinesischen
Kampfkünste. Aber auch Kalligraphie, Architektur und unter anderem auch Chinesische Medizin sind
unvorstellbar ohne die Arbeit mit Qi, chinesisch: Qi gong bzw. Chi kung. Dabei handelt es sich um eine
Reihe von Übungen, die auf Atemlenkung und Entspannung zielen. Es gibt im Westen nicht sehr viel
Verwandtes. Am ehesten mag als Vergleich das autogene Training dienen.
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